Diskussionsbemerkung zum Tragen von Säuglingen und Kleinkindern
von Dr. Eckhard Bonnet
Facharzt für Kinderheilkunde, Jugendmedizin, Umweltmedizin und Sportmedizin
veröffentlicht in Krankengymnastik 50 Jg. (1998) Nr. 8
Als Kinderarzt mit über 30jähriger Berufserfahrung kann ich die Meinung von E. Kirkilionis (Beitrag in Heft 3/98 dieser Zeitschrift) nur voll unterstützen. Die Tragehilfen-Gegner warnen stereotyp vor Wirbelsäulenschäden, Stauchungen des Körpers und Luftmangel beim Tragen. Diese Befürchtungen, für die nie Beweise vorgelegt werden konnten, sind unangebracht.
![]() | Das Kind fühlt die Körperwärme der Mutter/des Vaters, |
![]() | es spürt ihren/seinen Herzschlag, |
![]() | es riecht den Körpergeruch, |
![]() | es fühlt und hört (mit dem Ohr auf der Brust des Tragenden) die Stimme, |
![]() | es ist ganz umhüllt und fühlt sich deshalb geborgen, |
![]() | es kann gut aufstoßen (ohne auszuschütten), |
![]() | seine Verdauung wird angeregt ("Bauchmassage") und |
![]() | es kann seinen Stuhl besser absetzen. |
Beim Gehen (Spaziergang) und bei der Arbeit (Feld- oder Gartenarbeit) sind die Bewegungsabläufe immer rhythmisch. Dies führt nach einiger Zeit dazu, daß die Atemfrequenz, die Schrittfolge und der Herzschlag des Tragenden in ganzzahligen Verhältnissen zueinander stehen (Erkenntnisse aus der Sportmedizin). Dies bewirkt beim Tragenden eine Harmonie im psychovegetativen Bereich.
Das getragene Kind riecht das (ein entspannter Mensch riecht anders) und spürt das. Durch das rhythmische Bewegtwerden entspannt sich das Kind ebenfalls und kann z. B. besser einschlafen, besser verdauen. Die Akupressurpunkte gegen Verdauungs- und Schlafstörungen am Bauch und an den Unterschenkelinnenseiten werden automatisch massiert.
Ganz im Gegenteil: Durch das gleichmäßige Be- und Entlasten der Wirbelsäulen- und Hüftgelenke entsteht ein optimaler Wachstumsreiz. Wir haben noch kein gesundes, von Anfang an getragenes Kind gesehen, welches eine Hüftdysplasie oder eine Skoliose entwickelt hätte. Wir haben aber viele reine "Kinderwagenkinder" (Rückenlieger) gesehen mit verformtem Schädel (seitlich-hinten abgeflacht), mit verformtem Körper, mit Hüftdysplasie und "Bauchlieger" mit Froschstellung der Beine und Füße. Außerdem sind die "Bauchlieger" vermehrt gefährdet durch schlechte Luft am tiefsten Punkt des Kinderwagens und durch Wärmestau, da die Handflächen und das Gesicht kaum Verdunstungskälte durch Schwitzen erzeugen können.
![]() | Das Kind im Tragetuch ist mir "nah". |
![]() | Das Kind im Kinderwagen ist mir "fern". |
![]() | Bei den Befürwortern der Tragehilfen überwiegen die Frauen. |
![]() | Bei den Gegnern überwiegen die Männer. |
![]() | In Ein-Kind-Familien werden seltener Tragehilfen benutzt als in Mehr-Kind-Familien. |
![]() | Das Kind auf gleicher Höhe im, Tragetuch oder Tragebeute ist eher gleichberechtigt. |
![]() | Das Kind im Kinderwagen ist weniger gleichberechtigt: Ich schaue auf es hinunter. |
![]() | Einige Tragehilfen erlauben es dem Kind nicht, in physiologischer Haltung auf der Hüfte oder auf dem Bauch der Mutter/des Vaters zu sitzen. |
![]() | Einige Eltern tragen ihr Kind fast ununterbrochen. Aber sowohl das Kind als auch die Mutter brauchen Phasen der Ruhe und des Abstands. |
![]() | Das Gewicht des Kindes belastet den Körper des Tragenden (Muskulatur, Bänder, Wirbelsäule). Deshalb das Kind von Anfang an regelmäßig tragen, um Kondition zu entwickeln. |
![]() | Vorsicht bei großer Kälte. Mir ist ein "dampfender" Vater in Erinnerung, der im Schnee bergauf stapfte, und das auf dem Rücken getragene Kind hatte eiskalte Beinchen. |
![]() | Das Material der Tragehilfen kann Formaldehyd enthalten ("pflegeleicht") oder andere giftige Chemikalien (auf Deklaration achten). |
![]() | Er ist ein unnatürliches Transportmittel, das Kind ist von unnatürlichen Dingen umgeben, er riecht nicht gut, dünstet "Chemie" aus, |
![]() | sein Innenklima ist schlecht (wie in einem verhüllten Stubenwagen oder einem ungelüfteten Schlafzimmer), |
![]() | er wärmt nicht, |
![]() | er wackelt unrhythmisch (als Einschlafhilfe wird er deswegen ganz anders, nämlich rhythmisch, bewegt als beim Schieben), |
![]() | er bietet dem Ohr nur unphysiologische Geräusche an, |
![]() | das Gesicht des Schiebenden ist zu weit entfernt (der junge Säugling sieht nur 40 cm weit); liegt das Kind auf dem Bauch, sieht es gar nichts, |
![]() | Mutter oder Vater haben die Hände nicht frei, |
![]() | er ist teuer und steht nach einem Jahr in der Ecke, |
![]() | das Kind wird hineingelegt und abgestellt. - Mit der Tragehilfe "muß" die Mutter/der Vater laufen, dies bedeutet tägliche Gymnastik, die - nebenbei - auch noch gut ist bei eventuell vorhandenen Krampfadern. |
Früher gab es keine Kinderwagen. Die Säuglinge wurden unterwegs oder auch bei der Arbeit getragen (Tragegürtel in Südasien, Tücher in Afrika) oder bei Nomaden (Asien) und Indianern in senkrecht hängenden Tragegestellen (Hängewiegenmit Kopfstütze) mitgenommen. Kinderwagen waren zunächst das Privileg der Reichen: Die Zofe fuhr das vornehme Kind spazieren. Erst später kopierte das Bürgertum dieses "Vorbild".
Seit über 20 Jahren empfehlen wir das Didymos- Tragetuch von Frau Hoffmann. Seit 28 Jahren arbeite ich mit meiner Frau, Dr. med. Magdalene Bonnet, zusammen in eigener Praxis. Sie hat viel zu meinen Erkenntnissen beigetragen.|
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